Solidaritätserklärung und
Rede der ICTA für Konvoi und Kundgebung am 06.11.2010
Zuerst einmal möchte sich die ICTA hier ganz herzlich bedanken für das persönliche Engagement von den vielen Organisatoren hier!
Sie hatten nicht nur die Idee, diese Veranstaltung durchzuführen, sondern opferten viel Zeit, um mit Herzblut diesen Tag auf die Beine zu stellen.
Auch geht mein Dank an die vielen Helfer, die Ihr gebraucht habt, um diesen Tag so zu gestalten, wie Ihr es Euch vorgestellt habt.
Die Bürgerinitiative ICTA (Internationale Thalidomid Contergan Allianz) nimmt hier gerne die Möglichkeit wahr, hier zu sprechen und die Solidarität mit dieser Veranstaltung zum Ausdruck bringen kann.
Es ist heute wieder einmal eine Aktion, die uns zusammenführt und hoffentlich motiviert, wieder aufzustehen und weiter miteinander zu kämpfen.
In 2007 hat der Film „Eine einzige Tablette“ dazu geführt, dass wir, damals noch die „Contergan-Kinder“ wachgerüttelt wurden. Diesem Film und vor allem der Mut des WDRs, diesen ausstrahlen zu wollen und dafür zu kämpfen, haben wir alle es zu verdanken, dass wir uns (wieder) mit unserer Geschichte und unserem Leben ernsthaft auseinandergesetzt und aufbegehrt haben.
Wir wollen nicht mehr die „Contergan-Kinder“ sein, die immer nur zeigen sollten, wie erfolgreich, leistungsorientiert und oft angepasst wir leben, um der Gesellschaft zu zeigen, dass nicht alles „so schlimm“ ist wie es vielleicht aussieht.
Wir haben viel Kraft, Zeit und oft unsere Gesundheit dafür geopfert, allen zu beweisen, dass wir recht „normal“ leben können. Um welchen Preis aber, haben wir nicht erwähnt. Das wollte man auch nicht hören oder lesen.
Der Film „Eine einzige Tablette“ hat eine Welle der Emanzipation bei vielen von uns ausgelöst. Viele haben sich getraut und sich inzwischen verselbstständigt, sich aus Abhängigkeiten (auch von dem etablierten Contergan Bundes-Verband) befreit, und fordern nun als „Contergan-Opfer“ Entschädigung, Gerechtigkeit, Recht auf Würde und die Gleichstellung mit den Conterganopfern in anderen Ländern.
Wenn die ICTA von Opfern hier spricht, dann muß auch deutlich etwas zu den Tätern gesagt werden.
Aus der Seifenfabrik Meurer & Wirtz entstand ja die Grünenthal GmbH. Die Geschichte der ehem. Grünenthal GmbH zeigt, dass 1946 bis 1962 mindestens vier Verbrecher aus der Zeit des Nationalsozialismus (Mückter, Ambros, Baumkötter und Schenk) direkt nach Ihrer NS-Zeit oder der verbüßten Kurz-Strafe von der Wirtz-Familie eingestellt bzw. als Aufsichtsrat eingesetzt wurden. Es sind Namen von Ärzten und Chemikern, die unbeschreibliche, schmerzhafte, tödliche Menschenversuche in den KZ in Deutschland durchgeführt, angeordnet und für die Forschung genutzt haben; Menschen, die für Eugenik und Tötung von behinderten Menschen stehen.
Was das über das Menschenbild der Familie Wirtz sagt, ist aus meiner Sicht eindeutig und erschreckend. Das NS-Menschenbild war bekannterweise u.a. rassistisch, elitär, menschenverachtend und respektlos.
Deren Schönheitsideal ist getragen von der Idee des Perfekten und es ist paradox, dass gerade diese Familie durch ihrer Macht-und Geldgier auch die Geburt/das Leben von Menschen mit unseren schweren Beeinträchtigungen verursacht hat.
Der Umgang mit unseren Eltern, unseren Angehörigen und mit uns hat bis heute hin diese Züge. So berichtete die Bundesvorsitzende des BV Contergangeschädigter, dass Michael Wirtz nicht willens war, weder einen Contergangeschädigten anzuschauen, noch die Hand zu geben.
Was uns erschreckt ist, dass teilweise bis heute diese Menschen nicht einmal verurteilt worden sind, weder für ihre NS-Verbrechen, noch für die Entwicklung und Vermarktung von CONTERGAN und THALIDOMID: Sie sind tatsächlich mit Hilfe unseres Staates nicht verurteilt worden; wie denn auch, wenn der Vorgesetzte der Staatsanwälte aus der Kanzlei der Wirtz-Rechtsanwälte kommt.
Die ICTA kann diesen Menschen mit der widerlichen Gesinnung und dann noch unter dem Deckmantel eines katholischen Ritterordens, in dem sie Mitglied sind, nichts Positives abgewinnen, noch Respekt zollen. Das sind jene Menschen, die uns das DRK zur Mahnwache schickten und Suppe hinstellen statt mit uns zu reden. Diese Menschen brauchen die Demonstration der Macht und lieben es, andere klein zu halten.
Das sind Menschen, die bis heute verhindern, dass wir unsere Geschichte aufarbeiten können, weil sie wichtige Informationen zurückhalten, sich nicht entschuldigen und uns eine Entschädigung vorenthalten, die eine selbstbestimmte und würdige Lebensform ermöglichen könnte.
Es handelt sich daher bei unserer Geschichte, um eines der schwärzesten Kapitel der deutschen Nachkriegsgeschichte.
Es geht um den Schmerz, das Leid, welches abertausende Familien durchmachen mussten, um unseren materiellen und immateriellen Schaden und um die Ungerechtigkeit, die wir erfahren (haben).
Wir fordern daher, dass endlich eines der schwärzesten Kapitel der deutschen Nachkriegsgeschichte in Deutschland aufgearbeitet, die Geschichte offen gelegt und schließlich endgültig eine adäquate Lösung mit uns herbeigeführt werden muß.
So offenbart bis heute die Familie Wirtz
WIR HABEN NUR DIESES EINE LEBEN und WIR WOLLEN NICHT MEHR LÄNGER WARTEN!!
Nach Auskünften unserer Partner im Ausland konnte in den letzten beiden Jahren sehr viel erreicht werden, hier einige Beispiele:
Irland: ca. 2,8 Mio. Euro nachträglich für die lebenden ca. 33 Iren.
Eine Entschuldigung der Regierung erfolgte in diesem Jahr.
Schweden: Letztes Jahr wurde mit der schwedischen Thalidomidvereinigung eine maximale Einmalzahlung von 300.000 Euro pro Geschädigten vereinbart und ausgezahlt. Mit Astra wird gerade verhandelt.
Österreich: Jeder anerkannte Contergangeschädigte Österreicher erhält zusätzlich zu unserer Stiftungsleistung der Conterganrente eine nachträgliche Einmalzahlung voraussichtlich bis zu 100.000, Euro von der österreichischen Regierung. Noch dieses Jahr soll diese Summe ausgezahlt werden.
Großbritannien: Bis zu 5.000, Euro monatlich und eine Entschuldigung der Regierung in diesem Jahr bei den Opfern und deren Familien.
Italien: Über 4.000 Euro monatlich Zahlungsbeginn im Herbst 2010.
Niederlande: Evtl. Gründung einer eigenen Stiftung und Schaffung eines Gesundheitszentrums.
Belgien: Verhandlungen laufen für nachträgliche Einmalzahlungen ergänzend zu den Stiftungsleistungen.
Brasilien: nachträgliche Einmalzahlung von bis zu 160.000, Euro pro Person.
Spanien: Einmalzahlungen um die 20.000 € ergänzend zu den Stiftungsleistungen.
Australien: erneut monatliche Rente um die € 3.300 in den nächsten 25 Jahren.
Bundesrepublik Deutschland:
- Verdoppelung der Renten auf max. 1.116 €
- Wegfall der Ausschlussfrist
- 2 Stiftungsratsmitglieder werden per Urwahl in den Stiftungsrat gewählt
- Jährliche Einmalzahlung bis zu 3.680, Euro
- Parkerlaubnis mit Einschränkungen.
Fazit:
Im europäischen Vergleich gehören wir Contergangeschädigte Menschen zum Armenhaus Europas.
Unsere Ziele sind daher:
Wir, die ICTA, diskutieren KEINE Bedarfe und Nachweise. Wir gehen davon aus, dass wir für die uns zugefügten Schäden ein vom Einkommen unabhängiges Schmerzensgeld erhalten; gestaffelt nach dem Grad der Schädigung.
OHNE BEDARFSNACHWEIS für die uns zugefügten materiellen und immateriellen Schäden.
Immaterielle Schäden: das entgangene Glück, Lebensfreude, die eingeschränkte Teilhabe am Leben. Familienglück, Traumata durch viele Operationen, Krankenhausaufenthalte, z.T. Gewalterfahrungen und Missbrauch in Kliniken und Universitäten.....
Kurz gesagt: für entgangene Lebensfreuden und schmerzhafte Erfahrungen.
Materielle Schäden: Sachschaden und Einkommensschaden wie z.B. Rentenverlust, finanzieller Verlust durch verkürztes Arbeitsleben und beruflicher Möglichkeiten u.v.m.
Kommen Sie mit uns ins Gespräch, setzen Sie sich gemeinsam mit uns für eine gerechte, würdevolle Lösung ein und zeigen Sie Deutschland mit uns, dass wir uns eben nicht klein kriegen lassen und akzeptieren, dass die Familie Wirtz durch Ihr Handeln eindeutig zeigt, dass sie auf „die biologische Lösung“ für uns wartet.
Kontaktaufnahme möglich über
Claudia Schmidt-Herterich
(schmidt-herterich [at] icta-kampagne [dot] com)
Udo Herterich
(herterich [at] icta-kampagne [dot] com)
Kampagnen - Sprecher/in Deutschland
Internationale Contergan / Thalidomid Allianz
Bensberger Str. 139
51503 Rösrath
Telefon 0 22 05 - 83 54 1
Telefax 0 22 05 - 83 58 6
www.icta-kampagne.com
Wir kämpfen in Solidarität mit allen Contergangeschädigten Menschen für ein selbstbestimmtes Leben in Würde.